NICOLA RAE
Ich arbeite seit fast zehn Jahren mit der Idee, nur Farben zu sammeln, die auf natürliche Weise in der Landschaft vor-kommen, und sie in Plexiglas-Boxen zu füllen. Jede einzelne Farbe von einem bestimmten Strand oder aus einem bestimm-ten Steinbruch wird möglichst gesammelt, ohne Erosion zu verursachen. Sand, Lehm oder Metallerze der gleichen Fund-stelle werden auf die gleiche Weise gesiebt und in gleich große Boxen gefüllt. Alle Variationen, die sich dabei ergeben, hängen mit den Unterschieden in der Zusammensetzung der Mineralien selbst zusammen. Dieser Teil meiner Arbeit folgt einer konzep-tuellen Idee.
Und doch sind da persönliche Entscheidungen zu treffen: welche farbige Erden gesammelt werden, wie groß die Boxen für einen bestimmten Strand gemacht werden, in welcher Körnung das Material zu sieben ist. Oft weist schon die Art, wie sich der Sand bzw. Lehm anfühlt, auf die beste Art hin, das Material so weiterzuverarbeiten, dass es beim Einfüllen seine eigenen Strukturen erzeugen kann.
Wenn ich mir dann das Endresultat anschaue, entdecke ich manchmal, dass etwas Unvorhersehbares eingetreten ist, das weit interessanter ist als das, wovon man gedacht hätte, dass es geschieht - und das ist der Grund dafür, dass ich daran festhalten möchte, verschiedene Varianten auszuprobieren.
PETER LODERMEYER
NICOLA RAE
Beim Trocknen muss der Lehm ganz langsam von Hand zerkleinert werden, damit die Klumpen in jeder Größe austrocknen können, bevor sie auf die nächste Stufe zerkrümelt werden, weil alles sonst unglaublich klebrig werden kann. Ich habe versucht, den Lehm mechanisch zu zerkleinern, aber dabei gehen alle Größenunterschiede der Teilchen verloren und beim Einfüllen bleiben sie dann ohne Strukturen. Ich bin auch viel zu lange damit beschäftigt, mit einer Pinzette Wurzeln und Blätter herauszupicken, damit das Einfüllen ohne Unterbrechung vonstatten geht und die Farbe so kräftig wie möglich wird.
Die Herstellung der Plexiglas-Boxen war jahrelang problematisch, auch wenn ich zuletzt einen Hersteller gefunden habe, der sie mit fast unsichtbaren Leimspuren klebt. Die Holzkonstruktion auf der Rückseite, die es mir ermöglicht, die Box auseinander zu nehmen, zu reinigen und - falls notwendig - die Erde erneut einzufüllen, muss perfekt passen, weil andernfalls der Sand oder Lehm herausläuft. Auch ist die spezielle Antistatikpaste für das Plexiglas besonders schwierig zu handhaben, aber ohne sie wären wegen des Staubs, der auf dem Plexiglas klebt, keine Schichten zu sehen.
Vielleicht ist es die Achtsamkeit auf Details, die ich durch jahrelanges Fehlermachen gelernt habe, die den größten Einfluss darauf hat, dass ich die Boxen mache. Was meine Sensibilität angeht, so denke ich, dass sowohl die Faszination für die Natur und für natürliche Prozesse als auch die Neigung zu einer ziemlich minimalistischen Arbeitsweise einigen Einfluss darauf hatten, dass mein Werk an diesen Punkt gekommen ist.
PETER LODERMEYER
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NICOLA RAE
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NICOLA RAE
Die Arbeiten enthielten mit der Zeit immer mehr reale oder gefundene Elemente, die von Boxen gerahmt waren. Während der frühen 90er Jahre machte ich eine Serie von Werken, die wohl die traditionelle Malerei in Frage stellten, soweit es meine eigene Arbeit betraf. Sie enthielten umgedrehte Leinwände, alte Malpinsel und Blöcke aus blassrosa Gips (wie man ihn für die Wände benutzt) mit gemalten oder gezeichneten Linien darauf. Doch auch diese Arbeiten gingen in Hinblick auf Maßstab und Farbe nicht weit genug. Vielleicht war ich zu 'geschmackvoll', um eine gute Malerin zu sein und fand es zu schwierig, auf diesem Gebiet etwas Neues zu finden, das man erforschen konnte.
Als ich die ersten Erdboxen machte, nahm mir die Verwendung gefundener farbiger Erde die Entscheidung darüber ab, welche Farben ich wählen sollte - ihr Wert bestand darin, dass sie in der Natur existierten, in gewissen Kombinationen von Aufschlüssen.
PETER LODERMEYER
NICOLA RAE
All das änderte sich mit dem Füllen der ersten Sand-Boxen. Ich konnte sehen, dass da etwas war, mit dem ich intensiver experimentieren sollte, und die 90er Jahre waren genau die richtige Zeit dafür. Die überraschend große Bandbrei-te natürlich vorkommender Farbe in Großbritannien zu erforschen veränderte meinen Ansatz ebenfalls - kräftige Farben wurden plötzlich interessanter. Das monochrome Einfüllen der Erde in die Boxen schien mir den Prozess der Schichtenbildung klarer zu fokussieren, und so wurde mein Werk minimalistisch - was ich sofort als vollkommen richtig empfand.
PETER LODERMEYER
NICOLA RAE
Wenn ich bei gerade frisch abgesackter Erde die Wahl habe, entscheide ich mich fast immer dafür, die stärksten Farben zu sammeln. Diese scheinen in der Box viel befriedigendere und interessantere Arbeiten zu ergeben. Einige meiner Favoriten sind Farben, die so kräftig sind, dass sie irreal erscheinen. Dazu gehört ein außerordentlich lebhaftes rotes Eisenoxid-Erz, das viel Zeit erforderte, um es aus einem verlassenen Steinbruch in Parys Mountain zutage zu fördern und dann zu zermahlen, das aber beim Einfüllen kräftige, ziemlich markante Schichten ausbildete. Auch das schwärzeste Schwarz, das ich je gefunden habe, gehört zu meinen Favoriten - ein sehr öliger Lehm, der von hoch oben von den Klippen von Compton Bay herabfiel. Als er endlich nach vielen Monaten getrocknet und gemahlen war, zeigte er beim Einfüllen samtzarte Schichten.
PETER LODERMEYER
NICOLA RAE
Der Glanz und die modernen Qualitäten des Plexiglases im Unterschied zur Zeitlosigkeit von Sand und Lehm sind etwas, was ich total genieße - sie geben einen Hinweis auf den Zeitpunkt, zu dem die Arbeiten gemacht wurden. So ist etwa die Plexiglasproduktion heute sehr viel besser als noch vor 20 Jahren. Da es nicht farbig getönt ist, ist es viel besser als Glas, dessen leichte Grünstichigkeit den ockerfarbenen Erden sehr abträglich wäre. Außerdem ist Plexiglas weniger schwer und viel flexibler.
Früher habe ich darüber nachgedacht, ob ich nicht versuchen sollte, von der Rückseite einer gefüllten Box her Leim in die Erdstrukturen zu spritzen und dann die Box aufzubrechen. Aber selbst wenn man es stabil genug hinbekäme, denke ich doch, dass der Leim wahrscheinlich die Farbe der Erde verändern und zum Teil wohl auch ihre Formationen zerstören würde.
PETER LODERMEYER
NICOLA RAE
Es gefällt mir, Boxen unterschiedlicher Größe zu verwenden, um zu sehen, wie sich das auf das Einfüllen auswirkt. Zum Beispiel wählte ich einen besonders harten, klebrigen Lehm aus, für den ich zum Trocknen, Mahlen und Sieben acht Monate brauchte, um ihn in die mit 140 cm Breite größte Box zu füllen, die ich je benutzt hatte. Einen Trichter voll Lehm einzufüllen und die Box zu neigen genügt, damit die entstandenen Schichten sich bis zum Rand der Box erstrecken.
Manchmal werde ich gefragt, was wichtiger sei, die Idee, natürlich vorkommende Farben vorzuzeigen oder der Umstand, dass sie beim Einfüllen Schichten herausbilden. Ich denke, dass es unmöglich ist, beides zu trennen, da die Schichtenbildung der Farbe größere Tiefe und Spannbreite gibt und ein wesentlicher Teil ihrer mineralischen Zusammensetzung ist.
PETER LODERMEYER
NICOLA RAE
Zuerst sammelte ich 1993 in Dorset etwas grüne Erde auf und als ich sie später im Atelier sah, wurde mir bewusst, dass es eine viel kräftigere Farbe war, als ich zunächst dachte. Als ich ein paar Monate später zu dem Strand zurückging, merkte ich, dass es da Erde in verschiedenen Farben gab, die ich zuvor einfach nicht bemerkt hatte - einige davon waren kurz zuvor erst am Strand abgelagert worden - und so sammelte ich ein paar der am kräftigsten gefärbten.
Das Einfüllen der Erde, wobei sich Schichten bilden, war ein Zufallsergebnis. Ich wollte ein ganz anderes Resultat erzielen, aber mein Interesse für das, was sich tatsächlich abspielte, wurde immer größer.
PETER LODERMEYER
NICOLA RAE
Den Effekt zu beobachten, den die Trennung der Teilchen hervorruft, wenn die Erde in die Box fällt, scheint doch eher ein Arbeiten mit Naturprozessen zu sein.
Dennoch kann man die Beziehung zur Natur nicht von meiner Arbeit mit der Natur trennen. Ich möchte nicht zur Erosion der Küsten beitragen nur wegen meiner Arbeit. Daher ist es ganz wesentlich, Sand und Lehm behutsam einzusammeln - nur dann, wenn er kurz zuvor nach einem Sturm auf den Strand gefallen ist, oder aus natürlichen Absenkungen, die dadurch entstehen, dass ständig Wasser durch die Klippen hindurchfließt. Etwas von dem Sand oder Lehm aufzulesen, bevor er vom Meer weggewaschen wird, hält einen Zeitmoment fest, da die Klippen sich permanent verändern.
Ich bin mir deutlich bewusst, dass dieses Material, wenn ich es nicht aufsammeln würde, vom Meer weggewaschen und irgendwo als Sandbank abgelagert oder vom Wind weggeweht und mit dem Sand am Strand vermischt würde. In mancher Hinsicht wäre das wohl ein besserer Platz dafür - und doch hat es vielleicht auch seinen eigenen Wert, eine ganz kleine Menge davon in einer konzentrierteren Form aufzubewahren.